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Fans des Liverpool FC und Everton FC kämpfen Hand und Hand gegen Hunger und Armut.
Photo credit: Liverpool FC/Getty Images

Liverpools Vereine im Kampf gegen Hunger und Armut

Fanszene

  • Autor Robin Wittwer
    17 Monat(e) vor



Fans und Spieler des Liverpool FC und Everton FC kämpfen seit Jahren gegen die immer größer werdende Armut und den Hunger in der Stadt.

Wer sich mit der Stadt Liverpool auseinandersetzt, merkt ziemlich schnell, was sie so außergewöhnlich macht. Es ist eine Stadt, die durch Immigration groß wurde und in der ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl herrscht. Leider gehört Liverpool aber auch zu den ärmsten Städten Großbritanniens.

Die Gründe dafür sind vielfältig – sie reichen von demografischen Faktoren bis hin zu Sparprogrammen der britischen Regierung, welche in der Vergangenheit Sozialleistungen immer wieder abgebaut hatte. Dies trifft vor allem den schon lange wirtschaftlich angeschlagenen Norden des Landes. Viele Familien mit Kindern haben nicht genügend Geld, um sich Nahrungsmittel kaufen zu können.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Wenn die Politik versagt, müssen die Leute die Dinge selbst in die Hand nehmen. Der erste Schritt dazu geschah in Liverpool im Jahre 2015, als sich Liverpool sowie Everton-Fans zusammentaten, um etwas gegen die beschämende Situation zu unternehmen.

Menschenschlangen vor Liverpooler Foodbanks

Ian Byrne war damals Ausschussmitglied von "Spirit of Shankly" und sah sich mit Mitgliedern der Everton-Fanvereinigung "Blue Union" ein Gemeinschaftszentrum im Stadtteil Walton an, welches auch als Foodbank diente. Walton ist der Stadtteil Liverpools, in dem sich Anfield und der Goodison Park befinden. Was Byrne und seine Everton-Freunde zu Gesicht bekamen, war für sie schockierend, was die folgende Aussage bestätigt:

"Wir sahen eine Menschenschlange außerhalb des Gebäudes. Als wir fragten, für was diese Leute anstanden, wurde uns gesagt, dass sie hier seien, um Nahrungsmittel abzuholen. Es verschlug uns die Sprache – es war wie ein Schlag in die Magengrube."

Die Situation war prekär, denn die Nachfrage überstieg das Angebot. „Ich werde nie vergessen, wie eine Packung Pasta in mehrere kleine Tüten verteilt wurde", so Byrne. Am selben Abend wurde "Fans Supporting Foodbanks" gegründet, welche sich zum Ziel setzte, an Spieltagen der beiden großen Liverpooler Vereine Nahrungsmittel für Bedürftige zu sammeln.

Liverpool und Everton im Kampf gegen Armut vereint

Beim Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit nach Hillsborough zeigte sich schon, dass die ganze Stadt für einen gemeinsamen Zweck zusammenarbeiten kann. Genauso wie es bei Hillsborough nicht darauf ankam, ob die Opfer rot oder blau waren, ist dies beim Hunger ebenso wenig relevant, denn Hunger kennt keine Vereinszugehörigkeit. Byrne führt weiter aus: „Rasse, Religion und Fußball-Loyalitäten sind nur Dinge, um uns auseinanderzubringen. Wenn wir das zulassen, wird es einfacher [für die Politik] Sparmaßnahmen durchzusetzen."

"Unsere Botschaft ist es, dass wir dieses falsche Narrativ herausfordern und immer daran erinnern, dass Einigkeit Stärke ist". Tatsächlich gibt es ein ikonisches Banner im Kop, auf dem steht "Unity is Strength", übersetzt Einigkeit ist Stärke.

Nach Anfangsschwierigkeiten entwickelte sich "Fans Supporting Food Banks" zu einem unerlässlichen Teil der Lebensmittelversorgung für Bedürftige in Liverpool. Mittlerweile beteiligen sich auch der LFC und Everton offiziell am Projekt. An Heimspielen der beiden Vereine können Fans selbst Lebensmittel einkaufen gehen und an mehreren Orten abgeben. Die Redmen Family geht regelmäßig vor den Spielen einkaufen und gibt die vollen Tüten an einem der Abgabepunkte ab. Zudem spendete die Redmen Family auch schon 8.000 Euro an die Fans Supporting Food Banks als Zeichen dafür, dass es als Liverpool-Anhänger um mehr geht, als "nur" die Reds in Anfield nach vorne zu singen.

Neben den Fans spenden auch die Spieler von Liverpool und Everton regelmäßig. Vor allem jetzt, da wegen des Coronavirus die Spenden an Heimspielen wegfallen, ist es wichtig, die fehlenden Einkünfte irgendwie zu kompensieren. Spenden am Spieltagen machen etwa ein Viertel aller Einnahmen der Foodbanks in Nordliverpool aus. In Anbetracht dessen, dass ein Drittel aller Essensrationen an Kinder geht, wird einem die Dimension dieser humanitären Krise bewusst.

Liverpool-Legenden tragen ihren Teil bei

Nicht nur die Spieler des derzeitigen Teams helfen der Liverpooler Gemeinschaft – die beiden Legenden Steven Gerrard sowie Jamie Carragher setzen sich seit einiger Zeit mit ihren Foundations für eine bessere Zukunft von Kindern und Jugendlichen ein. Die "Steven Gerrard Foundation" fokussiert sich auf die Finanzierung von Hilfsprojekten für junge Leuten mit Krankheiten, Problemen in der Familie, körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen und Bildungsnachteilen. So bekommt unter anderen das Kinderspital "Alder Hey" in Liverpool finanzielle Unterstützung der Gerrard-Foundation.

Die Carragher-Foundation ist sehr ähnlich organisiert und sammelt Geld über den Verkauf von Fanartikeln und Wohltätigkeitsveranstaltungen. Die Foundation hat keine spezifischen Ziele, wo das Geld eingesetzt wird – jedes Jahr werden neue Projekte unterstützt. Zudem können sich Gemeinschaftsgruppen für finanzielle Unterstützung bewerben. In der Vergangenheit wurde zum Beispiel Geld für Projekte gegen Obdachlosigkeit oder häusliche Gewalt gesprochen.

Es ist dennoch traurig, dass es in einem reichen Land wie Großbritannien überhaupt Foodbanks braucht. Angesichts des gegenwärtigen politischen Klimas sowie dem wirtschaftlichen Schaden, welchen die Corona-Krise anrichtet, werden die Foodbanks noch einige Zeit vonnöten sein. Im Moment ist immer noch nicht absehbar, wann wieder Fans in die Stadien dürfen und somit auch an die Foodbanks spenden können. Bis es so weit ist, brauchen die Fans vielleicht selbst Essensrationen. Darüber hinaus ist es schön zu sehen, dass ehemalige Liverpool-Spieler soziale Verantwortung wahrnehmen und Menschen mit wenigen Mitteln helfen.

Henderson und Rashford gehen mit gutem Beispiel voran

Die Corona-Krise hat nicht nur im Sport, sondern auch in der Gesellschaft vieles durcheinandergebracht. Das britische Gesundheitssystem, die NHS, ist immer noch teilweise überlastet und kann jegliche Unterstützung gebrauchen.

Liverpool-Kapitän Jordan Henderson reagierte vergangenen April auf die Kritik von Gesundheitsminister Matt Hancock, dass die sehr gut verdienenden Premier League-Spieler ihren Teil zur Problemlösung nicht beitrügen. Henderson kontaktierte kurzerhand die Kapitäne aller anderen Premier League-Vereine, um einen Fonds für die NHS einzurichten. Dies gelang ihm auch und durch die Initiative #PlayersTogether wurden durch Spenden der Spieler aller Vereine Millionen Pfund für die NHS gesammelt.

Ein weiteres Beispiel für Solidarität im Fußball kam von Marcus Rashford, Stürmer von Erzrivale Manchester United. Als die britische Regierung ein Hilfsprogramm stoppen wollte, welches Schulkindern gratis Essensgutscheine ausstellt, schrieb Rashford an britische Abgeordnete, das diese Entscheidung nicht vertretbar sei.

Schlussendlich lenkte die Regierung ein und somit bekommen jetzt 1,3 Millionen Schulkinder auch während den Sommerferien ihre Essensgutscheine. Rashford profitierte als Kind selbst von diesem Hilfsprogramm und konnte sich dadurch in die schwierige Lage von Millionen Haushalten hineinversetzen, welche durch die Corona-Krise hart getroffen werden. Auch wenn Rashford für den größten Rivalen Liverpools spielt, ist das bei solchen Dingen nicht relevant, denn von seinem Einsatz profitieren unter anderem auch Kinder in Liverpool und in ganz Großbritannien.

In Liverpool kann die gewonnene Meisterschaft zumindest den roten Teil der Stadt aufmuntern, denn die an Spieltagen gezeigte Wirklichkeit zeigt nur die Fassade der Stadt.

 

 








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