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Paul Glatzel ist eines der Liverpooler Spielertalente von Melwood - Liverpools Jugendakademie
Photo credit: Nick Taylor/Liverpool FC/Liverpool FC via Getty Images

Liverpools Jugendakademie – Auf der Suche nach den Juwelen von Kirkby

Academy

  • Autor André Völkel
    32 Monat(e) vor



Liverpool Jugendakademie ist wieder in aller Munde. Die Mannschaften spielen recht erfolgreich und einige Spieler sorgen mit herausragenden Leistungen und Toren für Furore

Verständlicherweise sind viele Spieler der Liverpooler Jugendakademie schon auf dem Radar von Jürgen Klopp und seinem Team. Eine Analyse über die Veränderungen der letzten Jahre.

Robbie Fowler, Jamie Carragher und Steven Gerrard. Vor allem bei Namen wie „Captain Fantastic“ und „God“ ist eine ausführlichere Erläuterung für Fans des Liverpool FC kaum nötig. Der neueste Spieler in dieser Reihe ist Trent Alexander-Arnold – kurz „Trent“. Alle vier Spieler haben zwei Gemeinsamkeiten – sie sind „Scouser“ und aus der Liverpooler Akademie

Spieler wie Paul Glatzel und Bobby Duncan sorgen derzeit für Furore in der britischen Jugendliga. Sie sind zwei der heißesten Namen an der „Kirkby Academy“ und werden als die nächsten „Diamanten“ gehandelt – Potentiale die sich schnell in der ersten Mannschaft durchsetzen können. Sie sind derzeit zwei der größten Angriffstalente in Europa und haben gemeinsam 55 Tore erzielt.

Natürlich Auslese

 

 

Hingegen werden weitere Potentiale wie Fidel O’Rourke, Liam Coyle, Jack Walls und Abdi Sharif derzeit kaum erwähnt. Wer als Fan nicht regelmäßig die Spiele der jungen, wilden Reds und intensiv die Berichterstattung zu den Spielern von bekannten Journalisten aus Liverpool verfolgt, dem bleiben viele weitere Talente verwährt, bis sich diese klar auf dem Platz und in den Medien durchsetzen.

Natürlich gab es bereits einen Scouser, der diese Saison debütiert hat – Curtis Jones. Der mittlerweile 18-jährige (geboren am 30 Januar 2001!, mit 17 gab er sein Debüt) wird im Club auch eine große Zukunft vorausgesagt und in der letzten Pre-Season Tour durch die USA beeindruckte er mit herausragender Technik und hatte einen merklichen Einfluss auf die Performance des Teams. In der vergangenen Saison war Jones einer der Schlüsselspieler in Steven Gerrards U18 Team. Der damalige Trainer verriet Jamie Carragher, dass er fest davon überzeugt sei, dass vor allem Curtis Jones es in die erste Mannschaft schaffen wird: „Sobald Steven Manager der U18 wurde, sprach er oft über diesen Spieler, von dem er fest überzeugt war, dass er die Chance nutzen wird sich in der ersten Mannschaft zu etablieren. Er bekommt seine Chance unter dem neuen Trainer, er muss diese nur nutzen.“

 

 

Das Debüt gab Jones dann im FA-Cup gegen Wolverhampton. Im selben Spiel durften übrigens auch Rafael Camacho (18 Jahre) und Ki-Jana Hoever (16 Jahre – kurz zuvor verpflichtet) ran – zwei weitere Riesentalente. Mittlerweile gaben 14 Akademie-Spieler und junge Talente ihr Debüt in der ersten Mannschaft unter Jürgen Klopp.

Qualität statt Quantität

Was hat sich in den letzten Jahren in der Akademie so stark verändert, dass jetzt die Jugend wieder so stark im Fokus steht und Fans vom nächsten jungen Wilden oder sogar einem „born and raised Scouser“ in der ersten Mannschaft träumen können?

2012 wurde Alex Inglethorpe als neuer U21 Manager beim Liverpool FC eingestellt – zwei Jahre später wurde er dann zum Direktor der Akademie befördert. Besucht man Inglethorpe in seinem Büro sieht man große Magnettafeln mit 170 Magneten von denen jeder einen Spieler aus den derzeit sechs Jugendmannschaften darstellt, von der U9 bis zur U23.

 

 

Als Inglethorpe das Amt des Direktors übernahm, waren 240 Spieler an der Akademie, seitdem gab es eine radikale Reduktion. Dies liegt nicht an mangelnder Qualität der jungen Talente, sondern eher an einer stärkeren Fokussierung auf weniger Spieler mit dem größten Potenzial. Qualität statt Quantität eben.

Diese Reduzierung verläuft über ein nachvollziehbares Trichtermodell. In der U9 werden eine kleine Anzahl an Talenten befördert und hochgestuft und nach einem intensiven, jahrelangen Auswahlprozess finden sich nur noch die besten Kandidaten im U23 Team. Die Gruppen werden kleiner, die Trainings intensiver.

Laut Inglethorpe ist das Modell das fairste und effizienteste für alle Beteiligten.
Darüber hinaus wiesen die Gruppen nicht genügend Diversifikation auf, der Akademie fehlte dadurch ein repräsentatives Modell der Jugend in England.

„Es war nicht fair für die Jungs an der Akademie, die nicht hier sein sollten; sie hätten regelmäßig an anderen Akademien spielen können. Es war nicht fair für den Verein, da wir mit Spielergruppen arbeiten müssen, die das repräsentieren, wofür der Verein steht. Es war nicht fair für die Trainer, die mit zu großen Spielergruppen zusammengearbeitet haben, was sie daran hinderte, sich auf die Entwicklung der einzelnen Spieler zu konzentrieren“.

 

 

Ein weiterer Aspekt für den Fokus auf viele Talente in den noch sehr jungen Klassen ist die Tatsache, dass die Stadt Liverpool im Vergleich zu anderen Städten nicht mit viel Zuwanderung rechnen kann. In Metropolen wie zum Beispiel London gibt es im Vergleich viel mehr Auswahl. Hier gibt es eine große Kluft mit den Metropolen Europas zu überbrücken.

Die Nähe zu der ersten Mannschaft

Hinter den vielen Fußballfeldern der Kirkby Academy, wo täglich die jungen Talente trainieren, sieht man im Moment eine riesige Baustelle. Im Sommer 2018 wurden die Pläne für eine Neugestaltung und Erweiterung veröffentlicht. Die erste Mannschaft wird nach der Fertigstellung das altbewährte Trainingszentrum Melwood verlassen und ebenfalls in Kirkby trainieren. Die Schwelle zwischen der Akademie und der ersten Mannschaft wird dadurch aufs Minimalste verringert. Trotzdem sollen beide Abteilungen natürlich getrennt behandelt werden.

 

 

Das neue Gelände wird 9.200 m² umfassen, darunter zwei Schulungsräume, eine Sporthalle, ein Schwimmbad, eine Hydrotherapieabteilung und spezialisierte Rehabilitationsabteilungen. Derzeit läuft alles nach Plan – das Gelände soll 2020 fertig gestellt sein. Ein weiteres wichtiges Element ist die Unterstützung durch die oberen Verwaltungsabteilungen. Der Direktor des Clubs, Mike Gordon, hat es sich zu seinem persönlichen Ziel gemacht die Jugendakademie nachhaltig mitzuprägen und zu unterstützen.

Obwohl die Mannschaften natürlich auch Erfolg in den Ligen haben sollen, wird ein besonderer Fokus auf die Weiter-Entwicklung und das Mentoring der Spieler gelegt, bestätigt Inglethorpe. „Die Besitzer haben ein großes Interesse an dem, was hier passiert. Sie fragen jedoch nie, wo sich die U23-Mannschaft in der Tabelle befindet oder wie die U18-Mannschaft im Pokal spielt. Es geht um die Entwicklung und darum, die Spieler dazu zu bringen, sich für ihre Rolle bei den Profis perfekt vorzubereiten.“

 

 

Die neuen Spieler an der Akademie werden seit einigen Jahren mit besonderen Fokus auf Lücken im Team ausgewählt und nicht mehr nur als Ersatz für die Talente, die am Ende der Saison gegangen oder befördert wurden. Hier wollen die Verantwortlichen einen wichtigen Fokus auf die homogene Gruppenstruktur innerhalb der Teams setzen.

Mit der Rückkehr von Pep Lijnders gibt es darüber hinaus ein weiteres Bindeglied zwischen Akademie und erster Mannschaft. Bevor sich der niederländische Co-Trainer von Jürgen Klopp auf eigenen Beinen als Trainer von NEC Nijmegen versuchte, leitete er die „Talentgruppe“. Dabei handelte es sich um eine Delegation die wöchentlich in Melwood unter Beobachtung von Jürgen Klopp Talente rauspickte für ein spezielles Training. In dieser Saison allerdings ist Lijnders sehr stark im Prozess des ersten Teams verankert. Man nutzte allerdings die Saisonpause um eine natürliche Verbindung zwischen der Akademie und der ersten Mannschaft zu schaffen.

 

 

Eine bestimmte Anzahl von Jugendspielern wurden auserwählt, an dem Training mit der ersten Mannschaft teilzunehmen. Lijnders kommuniziert täglich mit Inglethorpe und beide besprechen sich, wer die Reihen in der ersten Mannschaft ausfüllen darf. Dann geht es für die jungen Wilden statt nach Kirkby eben nach Melwood. Das hat allerdings auch zur Folge, dass Spieler die Spiele ihrer Mannschaft verpassen, wenn sie mit der ersten Mannschaften trainieren. So Rücken regelmäßig Spieler aus den unteren Reihen nach oben – es entsteht ein homogener Fluss im Jugendsystem und alle profitieren von den Erfahrungen der anderen. Insbesondere die Talente kurz vor dem Sprung in die erste Mannschaft können so sehr früh das Niveau kennenlernen und sich einstellen.

Klare Strategien und Nachhaltigkeit

Kurz vor der Verpflichtung von Jürgen Klopp im Jahre 2015 wurde Julian Ward für den Kontakt zu anderen Vereinen verantwortlich gemacht. Er ist für eine sinnvolle Leihe zu anderen Clubs zuständig.

Ward’s Aussagen zufolge gibt es drei verschiedene Arten der Leihtransfers.

1. Leihe von Spielern der ersten Mannschaft ohne Spielzeit (z.B. Nathaniel Clyne).
2. Leihe von Spielern, die in England noch nicht spielberechtigt sind (z.B. Allan Rodrigues)
3. Leihe von Spielern, die sich auf U23-Ebene bewährt haben, aber einen Entwicklungsschritt vorweisen müssen, der zwischen der U23-Stufe und der ersten Teamebene liegt. (z.B. Harry Wilson)

 

 

Es ist in erster Linie die dritte Transfer-Strategie, die interessant ist, da es wahrscheinlich die Spieler hervorbringen wird, die als nächstes Talent in den Reihen der ersten Mannschaft in den kommenden Saisons spielen werden. Wer von den jungen Spielern verliehen wird entscheiden Inglethrope, Edwards und Ward in enger Zusammenarbeit. Hier findet eine sehr enge, konstante Kommunikation statt. Wer soll bleiben, wer muss komplett gehen, wer trainiert mit der ersten Mannschaft? Hier werden wieder die Entscheidungen gemeinsam getroffen – wie man es eigentlich in einem Verein erwartet.

So einfach ist allerdings der Weg ins erste Team nicht – vor allem nicht, wenn man ein offensiver Spieler ist. Hier sind die Erwartungen weitaus höher, weshalb Ben Woodburn bis heute keinen Durchbruch erzielen konnte und es nicht obligatorisch ist, dass auch Harry Wilson seine Leistung bei Derby County dann nächste Saison für die Reds wiederholen kann.

 

 

Leihtransfers werden meist in der Saisonpause intensiv besprochen um den Spielern ein neues optimales Umfeld zur Entwicklung zu geben – trotz Last-Minute Angebote und teilweise hohen Summen für den Kauf wird hier das Potential und deren Entwicklung seit einiger Zeit bevorzugt.

Laut Inglethorpe gibt es in Liverpool zwei verschiedene Wege, um durchzukommen:

„Sie können den Aufzug oder die Treppe nehmen.“

Trent Alexander-Arnold ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein Spieler den „Aufzug“ nehmen kann. Er bekam die Möglichkeit sich zu beweisen und nutzte sie ad hoc mit vollem Erfolg. Auf der anderen Seite gibt es Harry Wilson, der die Treppe nehmen musste, um Anfield zu erreichen. Er war sicherlich nicht so glücklich über diese Entwicklung und hat nun einen weitaus beschwerlicheren Weg, wenn man bedenkt, dass er mit Salah, Mané, Firmino, Shaqiri und Origi (und Coutinho, bevor er den Verein verließ) konkurriert.

Inglethorpe macht allerdings klar, dass es keine Schande ist die Treppe nehmen zu müssen – immerhin haben die gesetzten Spieler aus der ersten Mannschaft die selbe Entwicklung nur woanders durchmachen müssen. Harry Wilson hingegen hat sich in der Jugend von Liverpool etabliert und sein eher erfolgloser Transfer zu Crewe gab ihm offensichtlich lehrreiche Erfahrungen mit. Ben Woodburns Leihe zu Sheffield United lässt sich ebenfalls in diese Kategorie einordnen.

 

 

„Wenn Sie jetzt mit Harry sprechen, wird er Ihnen sagen, dass es eine seiner wichtigsten Perioden war (die Leihe mit Crewe). Ihm wurde klar, dass es nicht einfach sein würde und vielleicht dasselbe wie Ben passieren würde. Deshalb ist er mittlerweile so erfolgreich bei Derby County. Er weiß jetzt worauf es ankommt.“

„No Hunger For Paradise“

Um professionelle Fußballspieler auszubilden, bedarf es einer wettbewerbsorientierten Kultur. Diese wurde beim Liverpool FC lange nicht sinnvoll gepflegt. Mit dem neuen Fokus und Methoden, der besseren Kommunikation und des ewig möglichen Durchbruchs in der ersten Mannschaft scheint dies nun wieder in Kirkby möglich zu sein. Obwohl die erste Mannschaft noch viel stärker aussieht als die letzten 10 Jahre, so scheint auch das Potential in der Jugend mittlerweile riesig – und die Trainer sind durchgehend damit beschäftigt nach diesen besonderen Spielern zu suchen, die sie nach und nach zu einem Diamanten formen können.

Für weitere Informationen zum Jugendsystem sei außerdem der Film „No Hunger For Paradise“ von Michael Calvin empfohlen.
 








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