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Photo credit: Shaun Botterill/Getty Images

Liverpool und Chelsea: Eine Rivalität der Moderne

Blog / Kolumne

  • Autor Richard Köppe
    4 Monat(e) vor



Gegen keine andere Mannschaft hat Liverpool im 21. Jahrhundert öfter gespielt als gegen den Chelsea FC. Die Begegnung dieser beiden ungleichen Teams sorgt für jede Menge Brisanz – nicht nur weil zwei Top-Teams aufeinander treffen. Wir werfen einen Blick darauf, wie die erbitterte Rivalität zwischen Reds und Blues entstand.

Wer einen Liverpool-Fan danach fragt, gegen welchen Verein der Sieg am besten schmeckt, dann fallen meist nur zwei Antworten: Entweder ist es der Lokalrivale von der anderen Seite des Stanley Parks, Everton FC oder die Truppe auf der falschen Seite der East Lancashire Road, Manchester United. Doch wer einen Blick auf die letzten 15 Jahre Klubgeschichte zurückwirft, wird wider Erwarten eines feststellen:  Die meisten großen und dramatischen Spiele fanden nicht gegen einen der beiden verhassten Klubs statt, sondern gegen eine Mannschaft aus der Hauptstadt, dem Chelsea FC.

Diese Begegnung zieht Jahr für Jahr die mediale Aufmerksamkeit auf sich. Drei Faktoren spielen eine wichtige Rolle dafür, dass sich dieses Spiel im Laufe des 21. Jahrhunderts von einer normalen Begegnung zweier Premier League Klubs zu einem Spiel mit gefühltem „Derby-Charakter“ entwickelte:

 

 

Rot vs. Blau – Ein Spiel der zahlreichen Kontraste

Das Jahr 2003 gilt als Startschuss dieser Rivalität. In diesem Jahr kaufte sich der russische Oligarch Roman Abramovich im Sommer beim Chelsea FC ein und veränderte damit die Fußballlandschaft in England gewaltig. Sein Ziel war es, die Blues zu einem europäischen Spitzenklub zu etablieren und allen voran, die Champions League für sich zu gewinnen. Dabei scheute er weder Kosten noch Mühen, und Chelsea gab im ersten Transferfenster unter Abramovich 121.3 Millionen Pfund aus. Spieler wie Hernan Crespo, Claude Makelele und Adrian Mutu wurden dabei für zweistellige Millionenbeträge verpflichtet. Die Liga war erschüttert: Ein neuer Big Player war geboren.

 

 

Chelsea ging über die Jahre weiterhin mit dem Geld von Abramovich Jahr für Jahr auf Shopping-Tour und verdiente sich somit den Ruf als „reicher Schnösel“ im Profifußball. Auf dieser Grundlage verbleibt der erste Kontrast zu Liverpool, sowohl als Klub als auch als Stadt klar erkennbar. In der roten Ecke steht der Traditionsklub aus der Arbeiterstadt im Norden des Landes, dessen größte Erfolge zu diesem Zeitpunkt längst vergangen waren; in der blauen Ecke, der Klub aus der südlichen Hauptstadt London. Der Stadt der Bänker und Kaufleute, der dank der unbegrenzten Mittel eines ausländischen Milliardärs sich auf einen Schlag die beste Mannschaft der Welt zusammenkaufen möchte, um den Fußballolymp zu erklimmen. Selbst die Trikotfarben beißen sich. Rot und Blau gehen nicht gut miteinander.

Auch wenn Liverpool FC durchwegs kein armer Klub ist, so bezeichnen die Fans der Reds die Chelsea-Spieler weiterhin als „Rent Boys“. Männliche Stricher, die für alles käuflich sind, solange das Gehalt stimmt. Denn warum sollte ein guter Fußballer seine besten Jahre bei einem neureichen Klub verschwenden, wenn er doch auch bei einem Traditionsverein mit einer großen Vergangenheit und ähnlichen Titelchancen spielen kann?

Womit wir beim nächsten Kontrast wären: Geschichte. Liverpool hat reichlich davon, Chelsea nicht, wenn man die Erfolge verglich. Das, obwohl nur 13 Jahre zwischen der Gründung beider Klubs liegen, Liverpool FC wurde im Jahr 1892 gegründet, der Chelsea FC im Jahr 1905. Viel liegt nicht dazwischen, doch die Klubgründung ist nicht der Grund, warum Scouser die Blues mit „You ain’t got no history“ – ihr habt gar keine Geschichte – besingen.

 

 

Um dies zu verstehen, muss man einen Blick auf die Vereinshistorie beider Klubs vor der Abramovich-Ära werfen. Während auf der einen Seite Liverpool -u.a. mit 18 Ligatiteln, vier Landesmeisterpokalen und zahlreichen anderen Titeln- viele Erfolge im 20. Jahrhundert feiern konnte, stehen auf Chelseas Seite nur ein Ligatitel in den 50ern und zwei Pokalsiegerpokale als größte Erfolge zu Buche. Es gab also vor der Ankunft Abramovichs nicht viel, was diesen Klub in England auszeichnete.

Doch dank des Russen konnte Chelsea seither je fünfmal die Premier League und den F.A. Cup gewinnen und feierte sowohl in der Champions League als auch in der Europa League je einen Erfolg. Erfolg, den der Klub wohl, ohne das Geld von Abramovich, so nicht erreicht hätte. Erfolg, auf den die meisten Liverpoolfans wohl neidisch sind, ob sie es zugeben wollen oder nicht. Schließlich möchte jeder Kopite nichts sehnlicher als die Meisterschaft in der Premier League. Aber bitte nicht auf die Chelsea Art!

Johnson, Torres, Salah und Co. – Spieler in beiden Farben

Ein weiterer Faktor, der für die Brisanz dieser Begegnung spricht, sind die Spieler, die bereits für beide Vereine spielten. Zahlreiche Spieler liefen in der Premier League Ära sowohl im roten, als auch im blauen Trikot auf. Meistens war es für die jeweiligen Spieler Licht auf der einen Seite und Schatten auf der anderen. Sie konnten ihre Topleistung nur bei einem Klub abrufen.

Da wäre zum einen Glen Johnson, der erste Chelsea Transfer in der Ära Abramovich. Er kam 2003 von West Ham United an die Stamford Bridge und schaffte es dort nicht, sich durchzusetzen. Mit einem Umweg über Portsmouth wechselte Johnson 2009 zu den Reds und etablierte sich für viele Jahre als erste Wahl auf der rechten Abwehrseite und wurde zum Stammspieler in der englischen Nationalmannschaft.

 

 

Im roten Shirt gut, im blauen Shirt eher mäßig, agierten auch die beiden Flügelspieler Boudewijn Zenden und Yossi Benayoun. Wie Johnson, spielte Zenden zuerst für Chelsea, kämpfte dort aber oft mit Verletzungen und wechselte 2005 an die Merseyside. Während zwei Jahren in Liverpool gewann er einen FA Cup und erreichte 2007 das Champions League Finale. Benayoun spielte bei den Reds bevor er nach London wechselte. Unter Benitez verkörperte der Israeli eine feste Größe in der Mannschaft. Unvergesslich bleibt sein Kopfballtor im Achtelfinale der Champions League im Bernabeu gegen Real Madrid. 2010 verkaufte Liverpool Benayoun an Chelsea, wo er aber kaum zum Zuge kam und zwischendurch an Arsenal und West Ham verliehen wurde, ehe er die Stamford Bridge verließ.

Und da gibt es noch Daniel Sturridge, der trotz seines sichtbaren Talents von Chelsea nie ausreichend Wertschätzung erhielt, weswegen ihn Liverpool zum Schnäppchenpreis von zwölf Millionen Pfund im Januar 2013 verpflichtete. Nach seinem Wechsel traf Sturridge mit fast jedem Schuss und verhalf Liverpool in der Saison 13/14 beinahe zur Meisterschaft. Nach vielen Verletzungen scheint Sturridge seinen Torriecher wieder entdeckt zu haben, konnte aber unter Jürgen Klopp nie an seine Glanzzeit im roten Trikot anknüpfen.

Doch es gibt auch Spieler, die bei Chelsea den Erfolg fanden, den sie sich an der Merseyside nicht erarbeiten konnten. Die prominentesten Beispiele sind Nicolas Anelka und Victor Moses. Anelka wurde 2002 für ein halbes Jahr von Paris Saint-Germain ausgeliehen und traf in 22 Spielen fünfmal. Doch Trainer Gerard Houllier wollte Anelka nicht fest verpflichten und favorisierte die Dienste von El-Hadji Diouf. Darüber breiten wir den Mantel des Schweigens. Bei Chelsea wurde Anelka zum Goalgetter und qualifizierte sich in seiner ersten Saison zum Torschützenkönig der Liga.

 

 

Victor Moses trat auch nur als Leihgabe in Liverpool auf, spielte aber eine unsignifikante Rolle an der Vizemeisterschaft 2013/14, ehe er wieder zu Chelsea zurückkehrte.  Nachdem er noch an Stoke City und West Ham United verliehen wurde, avancierte Moses zum Stammspieler unter Trainer Antonio Conte und gewann 2017 die Meisterschaft mit den Blues.

Doch den Spieler, der beide Fanlager für sich polarisierte, verkörperte ohne jeden Zweifel Fernando Torres. Der Wechsel des Spaniers am Transfer Deadline Day im Januar 2011 für 58,5 Millionen Euro löste eine Welle der Empörung im roten Fanlager aus. Mehrere Videos dieser Nacht zeigen, wie Fans ihr Torrestrikot anzündeten und verbrannten. Immerhin spazierte der Publikumsliebling (und beste Goalgetter) der letzten Jahre nicht einfach nur am letzten Tag des Transferfensters aus Melwood heraus, sondern wechselte zum verhassten Ligakonkurrenten.

 

 

Zur (Schaden-)Freude der Scouser erfuhr Torres riesige Probleme bei Chelsea Fuß zu fassen und konnte seiner hohen Ablösesumme nie gerecht werden. Zwar war er Teil des Kaders, der 2012 die Champions League gewann, doch war es ihm anzusehen, dass Torres sich bei den Blues nie wohlfühlte. An seine glorreiche Zeit in Anfield konnte er nie wieder anknüpfen.

Auch auf Seiten des Coachings verband ein Trainer beide Vereine in der Premier League. Rafa Benitez holte 2005 mit den Reds die Champions League und schaltete jeweils im Halbfinale 05 und 07 Chelsea aus. Zwischen ihm und dem damaligen Chelseatrainer Jose Mourinho knisterte es an der Seitenlinie gewaltig. Aufgrund seiner Zeit bei den Reds wurde er in London nicht herzlich empfangen, als er interimsweise die Blues für den Rest der Saison 2012-13 coachte. Auch mit einem Europa League Titel konnte er die Blues nicht für sich gewinnen.

 

 

Aktuell kickt nur ein ehemaliger Blue bei der Mannschaft von Jürgen Klopp mit. Der "Egyptian King", Mohamed Salah. Er wechselte 2014 zum Chelsea FC, nachdem Liverpool knapp dran war, Salah zu verpflichten. Doch wie so oft, kaufte Chelsea der Konkurrenz in letzter Minute den Spieler vor der Nase weg. Nach einem durchwachsenden Jahr wurde er schon wieder nach Florenz und anschließend an den AS Rom verliehen. Über Rom fand Salah schließlich doch noch den Weg nach Anfield und der Rest ist Geschichte. Noch heute verhöhnt die Anhängerschaft der Reds den Chelsea FC, dass sie das enorme Talent, das Salah an den Tag legt, nicht erkannt und ausgeschöpft haben.

Alle Jahre wieder grüßt der Chelsea FC

Liverpool gegen Chelsea konnte sich auch deswegen zu einer Rivalität entwickeln, weil man jedes Jahr in so gut wie jedem Wettbewerb aufeinander traf. Seit der Saison 2003/04 hatte Liverpool 52 Pflichtspiele gegen Chelsea, 32 davon in der Premier League, 20 in verschiedenen Pokalwettbewerben. Zwischen 2005 und 2010 trafen die beiden Klubs 26-mal aufeinander. Keine Begegnung zwischen zwei Vereinen fand öfter innerhalb dieses Zeitraumes statt. Das UEFA Super Cup-Finale im August war bereits die vierte Partie seit dem August 2018.

 

 

Unter dieser Riesensumme an Spielen befinden sich enorm wichtige Partien in späten Runden der K.O.Phase, wie z.B. dem Champions League Halbfinale. Dort standen sich Reds und Blues 2005, 2007 und 2008 im Hin-und Rückspiel gegenüber. 2009 traf man eine Runde früher im Viertelfinale aufeinander. Auch in den nationalen Pokalwettbewerben lieferten sich beide Klubs erbitterte Kämpfe. 2005 holte sich Chelsea den Ligapokal mit einem dramatischen 3-2 Sieg nach der Verlängerung. Ein Jahr später hatte Liverpool im FA Cup Halbfinale die Oberhand und gewann anschließend den Pokal. 2011 besiegte die Truppe von Kenny Dalglish auf dem Weg zum Ligapokalsieg Chelsea im Viertelfinale, nur um in derselben Saison das FA Cup Finale gegen die Blues zu verlieren.

Manche Spiele in der Liga verbleiben auch heute noch in Erinnerung. Am letzten Spieltag der Saison 2002/03 sicherte sich Chelsea im direkten Duell gegen Liverpool Platz vier und damit die Qualifikation für die Champions League – ein wichtiger Faktor, denn ohne die Champions League Teilnahme hätte Abramovich wohl nicht in Chelsea investiert. Unvergessen bleibt auch die Partie im April 2013, als Luis Suarez nach einem hitzigen Duell Chelsea Verteidiger Branislav Ivanovic in den Nacken biss und daraufhin bis in die nächste Saison gesperrt war. Das Ligaspiel am 27. April 2014 bleibt den Reds ebenfalls in Erinnerung – negativ. Es war der Tag, an dem Steven Gerrard ausrutschte und Liverpool die beste Chance auf die verflixte 19. Meisterschaft verspielte.

 

 

Harte Rivalität ersetzt kein Derby

Aufgrund dieser Faktoren ist es ein Leichtes nachzuvollziehen, warum sich beide Klubs nicht gerade freundlich gesinnt sind. Doch am Ende des Tages werden beide Fanlager felsenfest behaupten, dass die Spiele gegen die Lokalrivalen für sie wichtiger sind, als dieses hier. Derbys haben aufgrund der kurzen Reisedistanz und der längeren Geschichte einfach einen höheren Stellenwert.

Doch Liverpool gegen Chelsea muss nicht unbedingt die größte Rivalität sein. Es bleibt weiterhin eine Begegnung zweier Topteams, die zwar im Kontrast zueinander stehen, sich aber sportlich auf Augenhöhe befinden. Die jüngere Vergangenheit hat denkwürdige Spiele zwischen diesen beiden Teams produziert. Wir freuen uns darauf, wenn noch weitere Spiele sich zu dieser Historie hinzufügen.








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